Martin's

Samstag, 2. September 2006

Nachtgedanken

zeitung von 1883, Bild: c Martin Andreas WalserWir leben in einem alten Haus. Letztes Jahr haben wir einen Teil umgebaut. Dabei entdeckten wir unter altem Täfer Spuren der letzten Renovation: Auf die aus Ästen und Lehm bestehende Zwischenwand geklebte Zeitungsreste aus dem Jahr 1883.

Zeugen der Vorzeit begegne ich mit Ehrfurcht. Ohne rückwärts gewandt zu sein. Ich mag jene nicht, die ihren Blick ständig zurück wenden. Früher war alles besser, früher . . . früher . . . Ich schaue vorwärts.

Das eine jedoch schliesst das andere nicht aus: Nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Der Respekt vor Leistungen der Vergangenheit bedeutet für mich nicht, die Errungenschaften der Gegenwart nicht zu respektieren. Auch wenn manches, das wir heute als «grossartig» bezeichnen, die Zeit wohl nicht überdauern wird.

Jeder, der erfolgreich ein paar Akkorde aneinander reiht, ist gleich ein Star, alles, was mehr als drei Wochen irgendeine Hitliste in Beschlag nimmt, ein Meisterwerk. Doch die Kurzlebigkeit des Ruhms - nicht einmal sie ist neu. Vieles, was wir heute als zeitlose Klassiker bezeichnen, wurde damals für den Tag, für den einen Augenblick geschrieben und dann wieder vergessen.

Auch unsere Nachkommen werden die wahren Perlen unserer Zeit ausgraben und ehren.